Franziskus von Assisi - von Gerhard Tersteegen
aus: Auserlesene Lebensbeschreibungen Heiliger Seelen Band III, 1786.
"Wo nehme ich immer die Gründe alle her, um mich zu rechtfertigen oder zu entschuldigen bei der heutigen delicaten Welt, dass ich mich erkühne das Leben Francisci, und einiger ersten Jünger, an das Licht zu bringen? Und zwar nicht zum Possen, sondern in rechtem Ernst; nicht solche Leute zu beschimpfen, wie andere getan, sondern ihren Glauben, Liebe, ihre Treue, zur Erbauung des Nächsten darzulegen. Man wird sagen: Will man nun aus der Finsternis die Lichter herholen, und in diesen, Gott erbarm`s, erleuchteten Zeiten auf den Leuchter stellen? Will man nun klugen Leuten die Taten und Lehren solcher Menschen vorlegen, welche fast jedermann als Toren belacht hat? Sachte, lachet nicht zu früh, wo ihr anders klug seid. Der lacht wohl, wer als Letzter lacht. Sehet erst zu, wenn ihr anders solches zu prüfen im Stande seid, ob nicht vielleicht dieser Mann, und die Seinigen, von solcher Art Toren gewesen, die um Christi Willen Narren geworden sind: Seid nicht so unbescheiden, dass ihrs diesem Mann anrechnet, was dieser oder jener Mönch, aus Aberglauben gedichtet, oder ein anderer ihn zu beschimpfen mit häßlicher Farbe abgemalt: Leset diese Blätter wenn ihr wollt, ohne Vorurteil, sehend dabei auf den Grund und die Hauptsache, nicht aber auf äußere Nebenumstände; und saget dann, ob ihr euch nicht selig würdet schätzen, wenn ihr nach dem Tode an den Ort kämet, wo solche Streiter hingekommen sind: Man will euch hierdurch nicht zu Barfüßlern und Bettelmöchen machen; werdet nur nicht bange: Man fordert nicht einmal, dass ihr alles lobet; sondern nur, dass ihr alles prüfet, und das Gute behaltet; und es auch dem nicht zur Missetat anrechnet, der euch die wahre Historie dieser Männer, bei so manchen Mährlein, die man nur gar zu gern, auch ohne Prüfung, glaubet, in kurzem Begriff mitteilt.
2. Zu der Zeit, wie Franziskus und seine ersten Jünger gelebt haben, waren allerdings die Finsternis, der Abfall, und das Elend, in der Welt und äußeren Kirchen groß. Es gab auch deren von verschiedener Gattung, und nicht gleicher Lauterkeit, welche wider solchen Verfall ernstlich zeugten, und weder Pabst noch Priester schonten; deren einige blieben in der Gemeinschaft der äußeren Kirchen, andere aber waren in etwa davon abgesondert, wie die rechtschaffenen unter den Albigensern und Waldensern. Dergleichen scharf beißende Arzneimittel aber wollten nicht bei allen anschlagen, ihre heilende Kraft erstreckte sich auch nicht jederzeit tief genug, das bisweilen damit verpaart gehende stürmische Wesen mochte auch wohl der beäugten Besserung im Wege stehen.
3. Einmal, der ewig liebende, langmütige Gott, der nicht will, dass jemand verloren gehe, sondern seinem abgewichenem Geschöpf beizukommen und zu helfen sucht, auf alle ersinnliche Weise, der versuchte es derhalben mit dem verderbten menschlichen Geschlecht auf eine andere Art, gleich einem klugen Arzt, der um der Aversion willen, welche einige Patienten gegen gewisse Arzneimittel haben, sich gerne bequemt, und ihnen entweder eben dieselbe Arznei anders zubereitet, oder eine andere, von gleicher Wirkung substituiret.
4. Es kam unser hl. Franziskus. Der ließ den Pabst Pabst, und die Priester Priester sein; waren sie böse, das würde Gott finden und richten zu seiner Zeit: Sein Beruf ging nicht dahin, um zu untersuchen, ob alle die Nebenbegriffe und Handlungen des Gottesdienstes ihre völlige Richtigkeit hätten; was er vor sich fand, das brauchte er zum einzigen allezeit richtigen Zweck: Nach Christi Worten zu leben, und Christo Seelen zu gewinnen, darum war es ihm nur zu tun: Er strafte die Sünde, predigte von Buße, von Verleugnung der Welt, von der Liebe zu Gott; und führte seine Nachfolger an zum Gebet, und zur Gemeinschaft mit dem unsichtbaren Gut. Diese Dinge predigte er, und lehrte er predigen, mit ganz einfältigen Worten, aber noch weit kräftiger durch sein heiliges Exempel, bis in den Tod.
5. Unter denen, welche seinen äußeren Ordnungen und Anstalten sich ergeben, und Franziskaner oder Minderbrüder heißen, äußerte sich schon zeitig ein greulicher Abfall, den er auch selbst bei seinem Leben, teils vorher gesehen, teils vorher angekündigt hat. Dem unbeachtet ist es unleugbar, dass durch ihn viele Herzen selbiger Zeit gerührt, und zu einem ernsten Leben und Liebe Gottes bekehrte, und sonderlich manche von seinen ersten Jüngern Gott wahrlich ergebene heilige Seelen gewesen sind, wie wir hernach einige Exempel anführen wollen: So, dass wir daher schließen, es sei auch zur selbigen Zeit, in seiner Masse jenes Wort des Herrn wahr geworden, was Er bei allen lauteren Auferweckungen und Erneuerungen von Zeit zu Zeit wahr gemacht hat: Du lässt (Psalm 104,30) deinen Geist aus, so werden sie geschaffen und erneuerst die Gestalt der Erde. Ob gleich der Frühling der Kirchen bis dato noch nie tausend Jahr gewährt, sondern allemal wieder ein kalter Winter gefolgt ist.
6. Die Bücher, deren man sich bediente für den Auszug dieses Lebens Francisci, auszufertigen, sind folgende: Das Leben Francisci durch Bonaventura beschrieben, Bosquierii, Antiquitates Franciscanae, Colon 1623, Opuscula Francisci, per Waddingum, Antw. 1623, und Lion 1636, und dann den Wyngart Francisci, 1518 zu Antwerpen gedruckt.
7. Weil Franziscus unter den Römisch-Katholischen canonisiret ist, so dürfen wir, ihnen zu lieb, keine Zeugnisse anführen. Dominicus und Franciscus, wie sie zu einer Zeit lebten, haben auch einander geliebet und geehrt, das tun indessen ihre Nachfolger untereinander gar nicht. Die Protestanten untersuchen solche Sachen selten. Vielleicht gibt dieser Auszug ihnen nähere Gelegenheit zu erkennen, was sie an Franciscus haben. Luther urteilte bescheiden: Francisus sei ohne Zweifel ein redlicher, frommer Mann gewesen, der wohl nicht gedacht, dass aus seinem Leben eine so große Superstition entstehen würde. Der Herr Poiret nannte ihn einen Theodidactum, einen Spiegel der Verleugnung und vollendeten Heiligkeit. Das Zeugnis der erleuchteten Mad.Guion hat ohne Zweifel auch bei einigen Protestanten sein Gewicht, welche sagt: Francisus sei Jesu Christi gleichförmig gewesen, wie er sich (anfangs seiner Bekehrung) von allem entblößte; danach habe er die Stände Jesu Christi getragen; endlich in der Vollendung seines Lebens, ward er Jesus Christus gemacht, Jesus Christus lebte und litt in ihm. Die Angele de Folignii, welche nicht so gar lang nach des Francisi Zeiten gelebt, lobte ihm mehr als gemein, etwas davon ist in ihrem Leben angeführt, das meiste aber hat man in dem zu ihrem Leben von uns gebrauchten Manuscript noch ungedruckt. Wir wollen nur dieses wenige daraus anführen, worin sie den Hauptcharakter des Francisci anzeigte, welcher auch der eigentliche Charakter der Angele, wie auch des Bernieres gewesen: „Ich sehe keinen Heiligen, der mir sonderlicher zeiget den Weg von dem Buch des Lebens, nämlich ein Exemplar von dem Leben des Gottmenschen Jesu Christi, als der heilige Francisus…. Zwei Stücke hat uns dieser glorwürdige Vater gelehrt: Das Eine ist, dass wir uns in Gott versammeln sollten, nämlich unsere ganze Seele in diese Göttliche Unendlichkeit….. Das Andere, dass wir sollten lieben die Armut, das Leiden, die Verachtung und den Gehorsam…. So lasset uns ihm dann glauben, usw“.
8. Es halte ihn ein jeder wofür er ihn halten will, sein Wahlspruch entscheidet die Sache und stopfet aller Mund, welchen der fromme Thomas à Kempis in seiner Nachfolge anführte: So viel einer, Herr! In deinen Augen ist, so viel ist er, und nicht mehr, sagt der demütige, heilige Franciscus".
zur Lebensbeschreibung:
https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10693791?page=154%2C155.